Mit dem Snälltåget nach Stockholm
Måndag, 16. Oktober 2023
Zwei Tage vor unserem Urlaub bekomme ich eine Email sowie eine SMS aufs Handy, dass unser Zug am 16. Oktober nicht um 20.00 Uhr vom Berliner Hauptbahnhof startet sondern bereits um 18.42 Uhr. Gut zu wissen!
Wir verlassen dann unser Haus schon halb vier, fahren mit dem Auto zum Bahnhof und stellen es dort auf dem P+R-Parkplatz ab. Um vier geht es mit der Regio nach Spandau und von dort in nur 10 Minuten mit dem Münchener ICE zum Hbf. Beim Aussteigen rammt Susanne einem harmlosen Passagier unseren Koffer dermaßen gegen den Knöchel, dass dieser aufschreit und sich vor Schmerzen krümmt. Leider können wir uns nicht lange mit Entschuldigungen und Mitgefühl aufhalten denn es steigen bereits die Fahrgäste Richtung München ein und wir müssen noch raus aus diesen Zug. Susanne ist noch eine halbe Stunde später fix und fertig wegen des Missgeschicks.
Auf dem Berliner Hauptbahnhof haben wir dann genug Zeit, uns zu sammeln, da wir noch 2 Stunden bis zur Abfahrt haben. Wir trinken einen Kaffee und essen ein Stück Kuchen bei Kamps und versuchen herauszufinden, von welchem Bahnsteig unser Zug dann abfährt. Die Information sagt, ist noch offen – entweder Gleis 11, 12 oder 13. Vielleicht auch 14. Das wird rechtzeitig angezeigt. Die liegen alle im obersten Bereich des Bahnhofs und wir bringen uns dann, nach dem wir uns eine Rätselzeitung und was zum Essen gekauft haben, dort schon in Stellung.
Ich bekomme eine SMS, die uns mitteilt, dass unser Zug nach Stockholm möglicherweise nicht mit dem Ziel Stockholm sondern mit dem Ziel Padborg angezeigt wird. Hat irgendwelche Ursachen „in visualisize this in the station“. Angezeigt wird dann aber Malmö als Zielbahnhof.
10 Minuten vor Abfahrt steht immer noch nicht fest, welcher Bahnsteig und wir werden langsam ungeduldig. 5 Minuten vorher heißt es dann: Gleis 14 und wir fahren aufgeregt mit vielen anderen die Rolltreppe hinauf zum besagten Bahnsteig. Dort steht auch der Zug in der Anzeige – aber was kommt ist ein ICE nach Köln. Ich bekomme eine SMS aufs Handy, dass der Zug nun vom Gleis 8 startet – die Anzeige sagt: Gleis 14. Dann kommt die Durchsage: Achtung! Achtung! Der D302 nach Malmö fährt vom Gleis 8 in der untersten Ebene und zwar um 18.42 Uhr. Es ist aber schon 18.45 Uhr. Susanne flippt aus! Mir tun nur die anderen Mitreisenden leid, viele mit Kleinkindern und Kinderwagen. Letztlich schaffen wir und die anderen es die 3 Ebenen hinunter und unser Zug verlässt um 19.00 Uhr den Berlin Hauptbahnhof.
Jetzt ein Krombacher!
Der Zug besteht aus sechs Waggons: 2 Sitz- und vier Liegewagen. Wir haben ein Zweier-Liege-Abteil für uns alleine. Einmal laufen wir den kompletten Zug ab.
Nach einer Weile setzen wir uns in den benachbarten Sitzwagen, weil es dort wärmer als in unserem Abteil ist und auch das Wlan besser funktioniert.
Um 22.06 Uhr erreichen wir Hamburg Hbf. und müssen die Sitzplätze räumen.
Tisdag, 17. Oktober 2023
Ich weiß nicht mehr genau, wann wir Grenze nach Dänemark überqueren; nur dass wir sehr oft halten. Ich schlafe nicht so gut. Um halb sieben werde ich wach und sehe gerade, wie wir Kopenhagen passieren. Wir holen uns unsere Frühstückspakete mit belegtem Brötchen, Kaffee, Apfelsaft und Apfel und beschweren uns über die Kälte im Abteil. Man sagt uns, das Problem ist bekannt und wir sollen uns beim Kundendienst des Bahnbetreibers melden. Bei zunehmender Helligkeit überqueren wir die 8 km lange Öresund-Brücke und sind kurz nach sieben in Malmö wo ein zweistündiger Stopp vorgesehen ist, den wir komplett verschlafen. Wir wachen erst wieder auf, als der Zug wieder losruckelt.
In Malmö wechselte das Bahnpersonal und wir haben ein paar Waggons angehängt bekommen, neben zwei Sitzwaggons auch einen Krogen (Speisewagen). Auch steigen unterwegs immer mehr Passagiere zu, denn unser Zug ist nun eine ganz normale Verbindung zwischen Malmö und Stockholm mit zwei Liegewagen in der Mitte (einem geheizten und einem kalten). Der Krogen ist nicht sehr einladend und außerdem muss man reservieren.
Bis zur Ankunft verbringen wir die Zeit teils im Sitzwagen, der nebenbei ganz angenehm ausgestattet ist, als auch in unsere Liegewagen-Decken gehüllt im Liegeabteil. Draußen wechseln sich bei meistens blauem Himmel Birken- und Nadelwälder mit idyllischen inselreichen Seen und hin- und wieder malerische Bullerbü-Dörfern ab.
Viertel drei kommen wir in Stockholm Centralstation an und kaufen dort 2 Green Card des öffentlichen Verkehrsunternehmens SL. Damit können wir die nächsten 3 Tage alle Busse, U- und Straßenbahnen sowie sämtliche Fähren zwischen den vielen Inseln, auf denen sich die Stadt verteilt, benutzen. Wir laufen über eine Brücke zur Altstadt Gamla Stan und dann über noch eine Brücke auf die kleine Insel Riddarholmen. Dort am Kai liegt die Mälardrottningen, ein Dampfschiff aus dem Jahre 1924, das zu einem schwimmenden Hotel umgebaut wurde. Wir beziehen unsere Kajüte mit Doppelstockkojen und Bullaugen zur Wasserseite.
Eine halbe Stunde später laufen wir Richtung Königsschloss und durchstreifen die Gassen der Altstadt. Dort gibt es ein deutsche Kirche, in der Freitags und Sonntags Gottesdienste auf deutsch abgehalten werden. In einem Café isst Susanne ein Lakritz-Eis. In einem kleinen Supermarkt holen wir uns was zu essen sowie Leichtbier und machen es uns dann in unserem Kabüfterchen bequem. Nur schwedisches Programm im TV. Auf dem Oberdeck gibt es ein Restaurant mit tollem Hafenblick, wo wir uns eine Käseplatte teilen und richtiges Bier bekommen.
Onsdag, 18. Oktober 2023
8.00 Uhr aufgestanden, Frühstück auf dem Oberdeck (draußen nieselt’s) und wieder hingelegt. Um 10.00 Uhr (die Sonne kommt raus) mit einer Fähre zur Insel Djurgården übergesetzt. Dort befindet sich der Vergnügungspark Tivoli, der zu dieser Jahreszeit geschlossen ist, sowie eine Reihe von Museen, u.a. ein Wikinger-, ein Schnaps- und das Vasa-Museum. Letzteres ist unser erstes Ziel.
Am 10. August 1628 hatte das, mit 68 auf zwei Decks verteilten Kanonen, größte Kriegsschiff der Welt seine Jungfernfahrt – die etwa 20 Minuten dauerte. Dann brachte eine Windböe das Schiff zum Kentern und die Vasa rauschte in die Tiefe. Dort lagerte sie 333 Jahre gut konserviert im Hafenschlamm und wurde 1961 geborgen. Später restaurierte man das Wrack und baute einen imposanten Museumsbau drumherum. Wie im Fall Pompeii ist es auch wiedermal ein Unglück damals, das der heutigen Wissenschaft einen Glücksfall bei der Erforschung der Vergangenheit bescherte. 98% der Vasa sind im Original erhalten und geben Aufschlüsse über den damaligen Schiffbau sowie das Leben an Bord.
Die gesamte Ausstellung ist sehr informativ aber auch unterhaltsam. Auf vier verschieden Ebenen kann man das Schiff umrunden und bekommt in diversen Abteilungen, teils auch multimedial, Einblicke in die Materie. Der Schiffskörper war reichlich ausgestattet mit Skulpturen und Symbolen, die die damalige gottgegebene Bedeutung des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf unterstreichen sollte. Er fiel übrigens vier Jahre später in der Nähe von Leipzig in Sachsen.
Als wir das Museum verlassen scheint draußen die Sonne und wir setzen uns auf eine Bank und beobachten die vorbeiziehenden Fähren und Kreuzfahrtschiffe.
Das nächste Museum liegt ein paar Straßen weiter und beschäftigt sich auf sympathische Art und Weise mit Schwedens erfolgreichstem Exportprodukt: ABBA.
Man erfährt was über die Herkunft der vier, erlebt ihren unglaublichen Aufstieg und die Zeit danach und natürlich gibt’s viel Musik auf die Ohren und auf die Augen. Uns hat’s gefallen.
Danach Kaffeepause mit kleinem Kuchensnack (schwedisch: Fika) in einem Café und dann steigen wir auf die Fähre Nummer 80 und schippern durch die Schären (?) in und um Stockholm. Uns fällt auf, wie unglaublich abwechslungsreich die Stadt aufgebaut ist: Wasser, Felsen, Tunnel, Brücken… An einer Station namens Ropster steigen wir in die U-Bahn, die hier übrigens Tunnelbanan heißen, und fahren über Centralstation nach Kungsträdgården. Die meisten U-Bahnhöfe sind tief unten liegende Felsendome und die endlosen Rolltreppen müssen sich hinter den russischen, die wir so kennenlernen konnten, nicht verstecken.
Oben angekommen, ist es dunkel. In Gamla Stan Postkarten und Briefmarken (schwedisch: frimärker) gekauft. Susanne hat vor, 20 Ansichtskarten zu verschicken. Als wir die 20 Briefmarken dafür kaufen wollen, stellen wir erschreckt fest, dass eine Briefmarke mittlerweile ca. 3 € das Stück kostet : macht 60,00 € alleine für Briefmarken!
Abendbrot ist gestrichen!
Torsdag, 19. Oktober 2023
Halb neun zum Frühstück und dann wieder eingeschlafen. Der erste Termin wäre erst um 12:15 Uhr die Wachablösung vor dem Schloss. Der königliche Palast liegt nur 10 Gehminuten von hier entfernt. Zuerst müssen wir noch klären, was die vielen Fotografien ein und derselben Dame in den Gängen sowie der Schriftzug „Lady Hutton“ am Heck unseres Schiffes zu bedeuten hat. Wikipedia hilft auch hier:
Barbara Hutton wurde 1912 als Enkelin des Kaufhaus-Gründers Frank Winfield Woolworth steinreich geboren und bekam die damals größte Diesel-Jacht von ihrem Vater geschenkt. Mrs. Hutton war eine Jet-Set-Ikone und insgesamt siebenmal verheiratet u.a. mit Cary Grant (Gatte Nr.3). Zu Beginn des 2. Weltkrieges verkaufte sie das Schiff für ein Pfund an die britische Royal Navy. Nach dem Krieg wurde die Jacht mehrfach umgebaut und fuhr u.a. unter norwegischer Flagge als Fähr-, Passagier- und Ausbildungsschiff. Seit 1981 gehört sie Schweden und wurde hier zum Hotel- und Restaurantschiff umgebaut. Barbara Hutton verstarb 1979 verarmt in L.A. Ihre Geschichte wurde mit Farrah Fawcett verfilmt.
Halb zwölf laufen wir zum Schloss und sehen uns dort in der Schlosskirche um, wo der heilige Georg (der hier Göran heißt) mit einem Drachen kämpft, der ein Elchgeweih trägt. Um 12:15 Uhr beginnt die Wachablösung bei strahlendem Sonnenschein.
Wir essen wieder ein Lakritzeis im selben Café wie vorgestern und fahren mit der Tunnelbanan zum Östermalmstorg, wo wir die sehenswerte Markthalle Saluhall aufsuchen. Der Schwerpunkt liegt hier natürlich auf Fisch, aber es gibt auch leckere Sachen. Lakritz-Senf gibt es hier nicht. Alle Händler, die wir danach fragen, schauen uns an wie Außerirdische. In einem Restaurant essen wir jeder ein Smørrebrød.
Nachdem Susanne ihre Ansichtskarten eingeworfen hat, gehen wir zur Hedvig-Eleonora-Kirche – ein achteckiger eklektizistischer Sakralbau aus dem 18. Jhrd. Eklektizismus ist absolut mein Ding! Allerdings kommen wir nicht rein, da drinnen gerade eine Trauerfeier stattfindet.
Wir laufen runter zum Wasser und wollen vor dem königlichen Theater in eine Straßenbahn nach Djurgården einsteigen. Irgendwie müssen wir ja auch unsere Green Card abfahren. Straßenbahnen fahren gerade nicht, da überall die Gleise erneuert werden. Also nehmen wir den Bus mit gleicher Nummer und machen preiswert eine Stadtrundfahrt.
Abends geht Susanne noch mal in die Altstadt und kauft u.a. in einem Spezialladen tatsächlich Lakritz-Senf!
Um acht beginnt es zu schneien und wir essen Köttbullar auf dem Oberdeck. Man sagt übrigens Schöttbullar.
Susanne schreibt Ansichtskarten.
Fredag och Lördag, 20. och 21. Oktober 2023
Auschecken erst um 12.00 Uhr. Susanne geht nochmal in die Gamla Stan Souvenirs kaufen und ich setze mich in die Lounge und lese mir die Vasa-Broschüre durch.
Die meiste Zeit bis zur Abfahrt verbringen wir dann in einem Café auf dem Hauptbahnhof.
Auch in Stockholm wiederholt sich das Spiel mit dem Bahnsteig: Bis 5 Minuten vor Abfahrt glauben wir, es ist Bahnsteig 12, dann ändert sich der Bahnsteig auf 7a und hunderte Passagiere mit Gepäck drängeln sich die Treppen hinunter und wieder hinauf zum neuen Abfahrtsgleis. Lange passiert erst mal nichts, obwohl die Abfahrtszeit längs überschritten ist. Der Bahnsteig wird immer voller. Dann noch ein Wechsel: auf Gleis 8a gegenüber. Mit einer halben Stunde Verspätung rollt dann unser Snälltaget ein. Wir wissen bereits, dass wir in Malmö den Zug wechseln müssen und dass wir im weiteren Verlauf mit Komplikationen zu rechnen haben. Für heute Nacht ist eine schwere Sturmflut an der deutsche Ostseeküste und Dänemark angekündigt worden und um 23:00 Uhr in Malmö erfahren wir dann, dass es in Dänemark Sturmschäden im Eisenbahnnetz gegeben hat und unser Zug heute nicht weiterfährt. Wir dürfen aber die Nacht im Zug verbringen. Wir haben wieder unser eigenes Liegewagenabteil und es gibt Bier und Snacks im Zug zu kaufen. Nebenan kampieren einige gealterte Punkrockfans, die aber gottseidank nach ein Uhr ihre Bluetooth-Box leiser machen.
Halb acht werden wir über Lautsprecher geweckt und man teilt uns mit, dass jeder, der es will um 9:18 Uhr mit einem anderen Snälltåget kostenlos nach Stockholm zurück fahren kann. Wer weiterfahren will, kann mit den regulären Zügen über die Öresundbrücke fahren und dort dann sehen, wie er selber weiterkommt. Und man sagt, dass es ihnen sehr leid tut und sie wünschen uns allen noch eine schöne Reise. Aber wir müssen diesen Zug bis 8:30 Uhr räumen damit andere Züge den Bahnsteig nutzen können.
Ich sehe für uns nur die Möglichkeit, mit einer Fähre nach Rostock über zu setzen und von dort mit dem Zug weiter nach Hause zu fahren. Die Fähre kostet nur € 30.-/Person aber sie fährt nur von Trelleborg.
Das ist nicht so weit weg und es gibt Pendelzüge. Allerdings ist offenbar auch dieses Schienennetz lädiert, denn in einem trostlosen Vorort von Malmö müssen wir auf Schienenersatzverkehr umsteigen. Der Reisebus lässt auch erst mal auf sich warten und verfährt sich dann mit uns drei Passagieren an Bord mehrfach auf seinem Weg nach Trelleborg.
In Trelleborg kaufen wir am Fährterminal Karten für die Überfahrt um 15:00 Uhr. Bei einem kurzen Bummel durch Stadt entdecken wir Orte wieder, an denen wir um Juli 2006 schon mal bei einem Tagesausflug von Sassnitz aus waren. In einem Café frühstücken wir Kanebullar und belegte Brötchen und Susanne schreibt ihre letzte Postkarte aus Schweden.
Später erfahren wir, dass die Fähre wegen des Wetters schon mit 2 1/2-stündiger Verspätung aus Rostock kommt und deswegen hier nicht vor 19:00 Uhr starten wird. Ein bereits in Rostock von mir reserviertes Hotelzimmer wird vorsorglich storniert.


































3 Kommentare zu „Mit dem Snälltåget nach Stockholm“
Oje 😕, das bringt ja nicht gerade Urlaubsgefühle. Hoffentlich sind nächsten Tage angenehmer.
Also, das Reisen nach Schweden scheint ja echt schwierig zu sein, aber Stockholm selbst durchaus das Abenteuer wert. Seid ihr denn nun wieder gesund und munter zu Hause angekommen?
Gesund und munter sind wir, aber immer noch in Trelleborg