Mit Elvis ins Baltikum
Danzig
Sonnabend, 25. Mai 2019
Ohne Frühstück 8.30 Uhr gestartet und zwei Stunden später an einer Raststätte polnisch gefrühstückt (2 Bockwürste, Spiegelei mit Speck usw.). Susanne isst einen heißen Apfelstrudel mit Sahne.
Die Autobahn geht sehr bald über in eine normale Landstraße und das bleibt auch bis kurz vor Danzig so. Die letzten 20 km fahren wir wieder Autobahn und das kostet Maut – aber nur €1,20.
Ca. 100 km vor Danzig kommen wir durch Konitz – jetzt Chojnice – wo meine Großeltern ein paar Monate vor Kriegsende mit ihren Töchtern gewohnt haben. Die meisten Orte, durch die wir fahren, machen einen etwas trostlosen Eindruck, die Innenstädte der größeren Orte, so auch Konitz, sind aber aufwändig und liebevoll restauriert.
In Konitz halten wir bei McDonalds und gehen nach dem McRoyal-Menü übern Marktplatz und mit Elvis entlang der Stadtmauer.
Ankunft 18.00 Uhr in Gdansk. Das Hotel liegt auf der Speicherstadt-Insel in unmittelbarer Nähe zur Altstadt. In 50 m Entfernung steht das Grüne Tor hinter dem der Danziger Königsweg beginnt. Das ist die Prachtstraße Danzigs. In der Speicherstadt selber ist vieles noch Baustelle.
Bei einbrechender Dunkelheit durchschreiten wir das Grüne Tor und setzen uns gegenüber dem Artushof mit dem Neptunbrunnnen vor eins der vielen Lokale. Unseres ist spezialisiert auf russische Küche und wir bestellen Piroggen, gebackene Pelmeni sowie Bier und Kwas. Es geht auf 22.00 Uhr aber es flanieren massenhaft Touristen und Einheimische vorbei, der Kirchturm bimmelt und wieder einmal erinnert mich Polen an Italien.
Danzig
Sonntag, 26. Mai 2019
Wir frühstücken auf einer Parkbank an der Motlawa gegenüber dem Milchkannentor. Rund um Alt-, Recht- und Speicherstadt gibt es zahlreiche zum Teil mittelalterliche Stadttore, das berühmteste ist das Krantor. Das Grüne Tor ist mehr ein Schloss und war auch Königs-Residenz. Durch dieses gehen wir nun und kommen jetzt wieder auf den Königsweg, der eigentlich Langer Markt (Dlugi Targ) heißt. Jetzt am Sonntag morgen ist weniger Partyvolk unterwegs, dafür mehr Rentner-Reisegruppen und fromme Katholiken. Unmittelbar hinter dem Grünen Tor findet ein Open-Air-Gottesdienst statt. In der Nähe wird mit einem historischem Barometer an den Physiker Daniel Gabriel Fahrenheit erinnert, der 1686 in Danzig geboren wurde und dessen nach ihm benannte Temperatureinheit noch heute in den USA maßgeblich ist. Wieder was gelernt.
Am Frauentor kaufen wir uns jeweils zwei kleine gegrillte Oszypek-Käse und betreten die heimelige Frauengasse (Mariacka), die von schönen Giebelhäusern eingefasst ist und direkt auf die Marienkirche führt, welche als größte Backstein-Gotik-Kirche der Welt gilt. Ich war drinnen und muss sagen, so viel größer als die Stralsunder Marienkirche erscheint sie mir nicht. Die Giebelhäuser der Frauengasse besitzen meistens sogenannte Beischläge, also Vorbauten mit Treppen, in denen sich jetzt Bernsteinwerkstätten und -läden befinden.
Da mir zunehmend mein lädiertes Knie zu Schaffen macht, mieten wir einen kleinen Elektrobus mitsamt Fahrer Klaus und lassen uns eine Stunde lang zu den Highlights Danzigs inklusive deutschsprachiger Erläuterungen kutschieren. Unter anderem machen wir Halt am Haupttor der legendären Lenin-Werft, wo damals die Solidarnoscz-Bewegung ihren Ausgangspunkt hatte, die letztendlich zum Berliner Mauerfall und zum Zusammenbruch des Ostblocks führte. Damals arbeiteten hier sage und schreibe über 20.000 Menschen und jetzt – niemand mehr, denn die Werft ist geschlossen. In der näheren Umgebung entstehen moderne Appartement-Hochhäuser.
Danzig – Vilnius
Montag, 27. Mai 2019
8.30 Uhr ausgecheckt und zwei Stunden später an einer Raststätte (Saurierpark?) gefrühstückt. Die ersten ca. 200 km fahren wir auf einer neuen Autobahn, die nicht mal was kostet, dann kommen wir in das Masurische Seengebiet und jetzt wird es abwechslungsreich: viel Wald und viele Seen aber nur eine sich kurvenreich dahin windende Landstraße , die auch noch stark befahren ist. Wir müssen vorbei an Allenstein (Olsztyn) ins Landesinnere, denn für den direkten Weg nach Litauen fehlt uns ein russisches Visum. In Lötzen machen wir Pause in einem kleinen Gasthof an einem malerischen See und bemerken leider erst viel zu spät, dass dies der passende Moment für einen Abstecher zum historisch aufgeladenem Highlight „Führerhauptquartier Wolfsschanze“ gewesen wäre.
Ab der Grenze zu Litauen ändert sich schlagartig die Landschaft in platte Ebene und auch die Straße verläuft jetzt schnurgerade bis zum Horizont, im weiteren Verlauf als moderne Autobahn. Und auch die Uhrzeit ändert sich: ab hier gilt EEST (East European Summer Time – osteuropäische Sommerzeit) – man hat uns eine ganze Stunde geklaut.
Die letzten ca. 200 km über Kaunas nach Vilnius sind eher langweilig, da nur Autobahn. Um 19.00 Uhr Ortszeit erreichen wir unser leicht schäbiges Hotel in einem leicht schäbigen Stadtteil von Vilnius. Vielleicht handelt es sich ja aber auch um ein Szeneviertel. Susanne bemerkt begeistert, hier fahren noch Oberleitungs-Busse, wie in Weimar und schickt ihrem Onkel gleich eine Whatsapp-Nachricht.
Nach dem Einchecken erkunden wir die nähere Umgebung und kaufen in einem kleinem Supermarkt noch ein paar Knabbereien und Bier – das heißt wir versuchen es. An der Kasse schüttelt die Angestellte heftig den Kopf und schreit etwas von „Alkohol“, was ich nicht verstehe. Die Kundin hinter mir ist so freundlich und erklärt uns auf Englisch, dass man in Litauen nach 20.00 Uhr keinen Alkohol mehr im Supermarkt verkaufen darf. KATASTROPHE! – Wie soll ich nach diesem stressigen Tag ohne Bierchen einschlafen? Gottseidank finden wir eine korrupte russische Bar, die uns Bier verkauft, natürlich nicht zum Supermarktpreis.
Vilnius
Dienstag, 28. Mai 2019
Wir schlafen bis um acht und gehen erwartungsvoll runter um zu fragen, wo das Frühstück serviert wird. An der Rezeption drückt man uns zwei Tüten mit abgepackten Sandwiches, zwei kleine Wasserflaschen sowie zwei in Plastik eingeschweißte Brownies und zwei Messing-Chips für den Kaffee-Automaten in die Hand. Der Kaffee-Automat steht im Keller. Nach diesem tollen Buffett legen wir uns noch mal hin denn draußen regnet es.
Susanne geht mit Elvis Gassi und dann lassen wir ihn im Hotelzimmer zurück, hängen das „Do Not Disturb“ an die Klinke und laufen zur nächsten Bushalte. Dort steigen wir in einen alten Oberleitungsbus – es regnet und die Scheiben sind beschlagen – und fahren ein paar Stationen bis wir meinen, hier finden wir was Sehenswertes. Ehrlich gesagt, habe ich mich nicht wirklich intensiv auf den Besuch in Vilnius vorbereitet, wobei die Geschichte durchaus interessant ist. Litauen bildete lange Zeit eine Gemeinschaft mit Polen, daher auch der verbreitete Katholizismus im Gegensatz zu den andern beiden baltischen Ländern. In der Altstadt von Vilnius hat man auf Grund der vielen barocken Kirchen das Gefühl irgendwo in Süddeutschland zu sein. Interessant ist aber auch, dass die litauische Hauptstadt immer eine der liberalsten Städte Europas und damit immer auch ein Anlaufpunkt u.a. verfolgter Juden aus Mittel- und Osteuropa war. Komischerweise waren um 1900 herum gerade mal 2% der Einwohner von Vilnius Litauer, der Rest waren Juden, Polen und Russen.
Die Gründung der Stadt geht auf einen Fürsten Gediminas im 14 Jhrd. zurück, der hier in Form diverser Skulpturen präsent ist.
Wir besuchen die Basilika mit ihrem schiefen Glockenturm und beschließen dann, uns einen Gesamtüberblick zu verschaffen, indem wir den Fernsehturm von Vilnius erklimmen. Dieser liegt etwas außerhalb und wir rufen uns ein Taxi mit Hilfe der App von BOLT. Das ist die baltische Version von UBER und das klappt anstandslos und ist dabei auch noch unverschämt preiswert: die halbstündige Taxi-Fahrt kostet nicht mehr als zwei Einzelfahrscheine der Berliner S-Bahn, nämlich €5,80. Mit dem Fahrstuhl geht’s in den 19. Stock des Fernsehturms und hier dreht sich wie in Berlin ein Restaurant in 165 m Höhe. Noch ist es etwas diesig draußen aber im Verlauf der nächsten Stunde reißt die Wolkendecke auf und wir sehen eine sehr waldige und hügelige aber auch von Plattenbauten dominierte Großstadt unter uns.
Mit einem anderem BOLT-Taxi fahren wir wieder zurück bis direkt vor unser Hotel und halten Siesta. Als wir erwachen begrüßt uns ein strahlend blauer Himmel und wir laufen mit Elvis zum Tor der Morgenröte, wo nicht weit von uns die historische Altstadt von Vilnius beginnt. Dort besuchen wir ein orthodoxes Kloster und die restaurierte Verteidigungsanlage von Vilnius mit einem herrlichen Panorama. Danach durchlaufen wir noch die gesamte Altstadt und steigen in der Nähe der Basilika, wo wir heute früh schon mal waren, wieder in einen Oberleitungsbus, der uns zu unserem leicht schäbigem Hotel zurück bringt.
Vilnius – Riga
Mittwoch, 29. Mai 2019 (Maxes Geburtstag)
Wieder ein tolles Tüten-Frühstück im Keller, dann noch mal eingeschlafen und um 10.00 Uhr verlassen wir bei leichtem Regen Vilnius. Etwa die Hälfte der Strecke ist Autobahn mit wenig Verkehr, der Rest gut ausgebaute Landstraße. Um eins passieren wir die Grenze, die auch hier keine wirkliche mehr ist und sind gegen drei im Radisson Park Inn am Ufer der Daugava (deutsch: Düna).
Nach kurzer Verschnaufpause laufen wir über eine Brücke auf die Insel Kipsala, auf der es noch einige traditionelle Holzhäuser geben soll. Außerdem an der nördlichsten Spitze ein preiswertes Lokal mit tollen Blick auf Hafen, Brücken und Altstadt am westlichen Ufer der Daugava, die jetzt auch noch herrlich im Licht der Abendsonne liegen. Die Anzahl der alten Holzhäuser ist überschaubar, die Lage hat aber ungeheures Potenzial, was man den neu erbauten Villen auf der Insel sieht. Auch einigen Botschaften haben sich hier angesiedelt. Nach einer halben Stunde Fußmarsch erreichen wir das im Reiseführer empfohlene Lokal, das hat aber wegen einer Trauerfeier geschlossen. Mit BOLT fahren wir zurück zum Hotel. Abends wird noch auf Max angestoßen.
Riga
Donnerstag, 30. Mai 2019
Wir sind gegen 9.00 aufgestanden, Kaffee kochen, Frühstücken erfolgte gleich im Zimmer, da Kocher und Kühlschrank vorhanden. Elvis genoss Riesengassirunderunde und teilte uns mit, er wolle Ausruhtag einlegen. Gesagt Getan. Wir beide liefen zur nahen Bushalte und brauchten gar nicht lang warten, Busse, Marschrutkas, einarmige Straßenbahnen sind immer und überall verfügbar und fahren kurz hintereinander. 2 Euro kostete eine Fahrt, wir stiegen aus, als die Sehenswürdigkeiten im Stadtinneren sich dichteten. Wir wollten hop on hop off ten. Am Rathausplatz war gerade ein Guide am werben und wir kauften nach Gespräch über Konditionen des Busunternehmens 2 Karten für je 20 Euro, 2 Tage gültig. Es gab 3 verschiedene Touren, Wartezeit bis der Bus fuhr wurde mit Kaffeeholen verkürzt, wir wählten den oben offenen Doppeldecker. Er holperte los, eine Straße mit rasantem Verkehr und Bauarbeiten zu allen Seiten der Straße, mindestens 2 Kilometer lang und die Tour ging genauso wieder zurück. Raus aus dem Bus, rein in den davor stehenden, uns wurden noch mehr Routen zugesichert. Kopfhörer auf und eine tolle Tour erwartete uns, mit viel interessantem und Anekdoten über die Stadt. Immer wieder wurde auf das Aussteigen können und die Jeweiligen Sehenswürdigkeiten bzw. Museen hingewiesen. Wir fuhren aber die gesamte Runde durch und können dann Morgen gezielt nochmal mitfahren und Aussteigen. Wieder festen Boden unter den Füßen, gingen wir unweit des Rathausplatzes in eine zuvor gesehene Pelmeni Selbstbedienungshalle, mit Decor und Inneneinrichtung dem Hundertwasserstil ähnlich. Verständigung meist auf Russisch, und per Fingerzeig war erfolgreich, wir wurden satt. Gegenüber ist ein Schokoladenladen ansässig, echt verführerisch. Wir machten uns auf, Richtung Domplatz, auch im Karre, dort gibt es einen Herderplatz, wurde auf Wikipedia versprochen, mit einem Denkmal des großem Dichters, und das Denkmal ein Abguss vom Weimarer Herderdenkmals. Wir fanden dann auch besagtes vor. Herder hatte einige Jahre in Riga verbracht und widmete sich dem Liedgut, besonders der 4-zeiligen Verse, den „dainas“. Im Anschluss setzten wir uns uns, zwecks Leute beobachtens, am Rande des Rathausplatzes auf die nächst freie Bank. Eine riesige Möwe kam angeflogen und verschlang Keksreste,die Tauben kamen ins streiten,ebenfalls wieder um die Reste der Reste. Ein kleiner Chinese in viel zu großen Hosen, Hemd und Hut, grüßte ganz freundlich, während er immer neue Fotoperspektiven fand,um den Platz“mit nach Hause nehmen zu können“. Auf der Busreise wurde erklärt, dass Lettland ein Land der Volkslieder ist, nun erklang plötzlich Liedermusik vom Platz, in einer Menschentraube stand ein Hemdsärmeliger älterer Mann und sang aus vollem Halse, u.a. auch Santa Lucia, Ave Maria. Plötzlich jedoch stand der Barde ohne Menschentraube, allein neben seiner Laterne und unter der Schutzpatron- Rolandfigur und sang weiter. am Rande der anderen Rathausplatzseite stand, wie eben hingetragen eine Buddybär aus Berlin. Nun riefen wir wegen Kniehuddelei ein Bolttaxi und fanden uns kurz später, für 2,90 für 2, an unserem Hotel wieder. Am Abend setzten wir dann gleich, auf der Busfahrt gelerntes, in die Tat um und durchstreiften den näheren Viktoriapark, mit ehemaligem sowietischem Ehrenmal und Kirschblütenallee, von Japan geschenkt, welche leider nicht mehr in voller Blüte stand. Aber es wurde berichtet, daß der Park einen sehr hohen Stellenwert bei den Rigaer Bürgern genießt, nicht zuletzt wegen der Kirschblüte, Anfang Mai. Sehr viele grüne Oasen prägen das Stadtbild, sehr sauber und ordentliche Parkanlagen mit reichlich grün für Elvis und Blütenbunt fürs Auge, aber Hundetütenspender haben wir bisher nur einen leeren vorgefunden, Elvis mitgebrachte Eins von zahlreichen Minilädchen, aber englisch wird verstanden, Geldkarte akzeptiert und Rotwein und Bier kannst Du tatsächlich bis 22.00 Uhr einkaufen. Zuhause im Hotel assen wir auf unserem Zimmer,ein Minikühlschrank, mal nicht mit Getränken gefüllt, steht uns im Zimmer zur Verfügung, ein Wasserkocher ist auch da und wird auch von uns rege benutzt. Wir besahen Fotos und ich versuche mich im Berichtschreiben und darüber schliefen wir ein
Jurmala – Riga
Freitag, 31. Mai 2019
Etwas länger gelegen und geratzt, da der Sonnenschein Pause hat und der Himmel in einem wässerigem Blau erscheint, Regen ist erst für 13.00 angezeigt, worauf wir uns verlassen können, tritt pünktlich ein. Wir setzen uns ins Auto und fahren Richtung Seebad von Riga, Jurmala. Wir hatten tags zuvor reichlich überlegt, wie hinkommen? Zug wäre gut gewesen auch einer der zahlreichen Busse sicher, aber bei diesigem, nicht all zu warmen Wetter, wie dem heute, hätten wir Elvis auch im Auto lassen können, falls Hunde verboten sind. Am Strand war nun auch das Hundesymbol durchgestrichen, wir setzten uns dann auch sittsam auf die Bank vor dem Strand und beobachteten Wellen und Möwen. Bis uns ein Hund entgegen kam,mit seinen 2 Leuten, er schien aus dem Meer entstiegen zu sein,ein King Charles Spaniel. Ich dachte, das ist ein Zeichen, nichts wie hinterher zum Strand! Es liefen ja auch nur vollständig angezogene Leute herum und keiner würde beachten, wenn wir den feinen hellen Sand überquerten. Gesagt-Getan, wir liefen auf der Holzplankenmatte, nahe dem Strandrand, für alle Fälle, zur nächsten Bank,in der Strandmitte, um festzustellen, hier sitzt es sich nicht sonderlich bequem. Aber Strand und Wassernähe sind immer erholsam und interessant. Auf dem Rückweg durchstreiften wir die lange Flaniermeile, für einen Teil und waren mit einsetzendem Regen zurück bei unserem Auto, welches gut bewacht wurde von olle Georg der nebenbei noch mit einem Drachenvieh kämpfte, riesengroß und furchteinflößend.
Tallinn
Sonnabend, 01. Juni 2019
Zimmer 402
Es gab mal eine Zeit vor vielen Jahren, da liebte ich es, Grusel-Adventure-Spiele auf dem PC zu spielen. Das Genre war ziemlich neu und diese Spiele nutzten ausgiebig die damals gerade neuen Möglichkeiten computer-generierte Schauplätze mit teils realen Videosequenzen zu kombinieren. Meistens ging es dabei um ein geheimnisvolles, viktorianisches Haus oder auch eine alte, verlassene Jugendstilvilla mit vielen Zimmern hinter verschlossenen Türen, die es durch Lösen diverser Rätsel zu öffnen galt. Mitsamt einer mysteriösen Hintergrundgeschichte sowie einer atmosphärischen Soundkulisse, schafften es diese Spiele, mich regelrecht in die Story hinzuziehen und nicht wieder los zulassen. Ich wollte immer sehen wie es weitergeht hinter dieser und jener Tür. Nachdem man dann die Rätsel der Küche und der Schlafzimmer im Obergeschoß gelöst hatte, ging es dann irgendwann in den Keller oder auf dem staubigen Dachboden wo der Ursprung der Geschichte in Form eines grausigen Verbrechens ans Tageslicht kam…
Auf unserer Tour durchs Baltikum näherten wir uns der vierten Station. Wir hatten Danzig, Vilnius und Riga mit ihren teils rekonstruierten mittelalterlichen Stadtkernen kennengelernt und freuten uns auf die estnische Hauptstadt Tallinn, die von allen die authentischste Altstadt haben soll, da sie von den Weltkriegen des letzten Jahrhunderts verschont geblieben ist.
Unser Hotel hatte ich im Voraus über eine Internetplattform gebucht, ohne mir große Gedanken über Lage und Komfort zu machen. Ich lese ehrlich gesagt nicht unbedingt aufmerksam die Bewertungen anderer Gäste und lass mich gerne ein bisschen überraschen.
Das Haus lag etwas außerhalb von Tallinn in einer waldreichen Gegend. Wir stellten das Auto vor dem Hotel ab und ich betrat den schummrigen Empfangsraum, der es mir aufgrund seines verwinkelten Grundrisses und der Vielzahl schwerer Möbel schwer machte, mich zu orientieren. Schräg gegenüber dem Eingang war eine festliche Tafel gedeckt, um die sich etwa dreißig Leute in schwarzer Kleidung gesetzt hatten, die betrübt vor sich hinblickten – ganz offensichtlich eine Trauerfeier. Die Tapeten an den Wänden waren detailreich gemustert aber mit dem Grauschleier vieler Jahre versehen. An der Wand hing ein Glockentelefon mit einer Sprechmuschel, wie man es aus Edgar-Wallace-Filmen kennt.
Die Rezeption befand sich im hintersten Winkel des Raumes. Überall lag dicker, alter Teppich, auch auf den Stufen, die nach oben führten. Die Gänge, die sich im ersten Stock endlos in alle Richtungen verzweigten, ließen auf eine Größe des Hauses schließen, die es von außen gesehen, gar nicht haben konnte – schließlich mussten sich hinter den vielen dunkelbraunen Türen ja auch noch Zimmer befinden. Manche Gänge machten einen halben Etagen-Sprung nach unten andere nach oben. Zur weiteren Verwirrung führte die Beschriftung auf den zahlreichen Hinweisschildern: Es waren zwar die vertrauten lateinischen Buchstaben, aber ihre Reihenfolge machte keinerlei Sinn.
Unser Zimmer 402 lag im 3. Stock und war mehr ein Appartement. Auch hier schwere, alte Möbel, gräuliche Tapeten mit Stuckmuster und dicke Teppiche. Dazu hatten wir ein Badezimmer mit einem Whirlpool aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und einen Kamin im Wohnzimmer. Vor den Fenstern hingen schwere Vorhänge mit Übergardinen, die nur wenig Licht durch ließen.
Später im Restaurant sind wir fast die einzigen Gäste – nur zwei Tische weiter sitzt eine hagere, blasse, ältere Frau mit einem kleinem Dutt auf dem Kopf die sich angeregt mit ihrem nicht existierendem Gegenüber auf Russisch unterhält.
wird fortgesetzt….

Tallinn
Sonntag, 02 Juni 2019
Jule ist gestern um 14.00 Uhr mit RyanAir in Tallinn gelandet und war kurz nach drei mit dem Linienbus bei uns. Wir haben ihr das spooky Hotel gezeigt und sind dann im Restaurant gewesen. Abends machten Mutter und Tochter noch einen ausgiebigen Spaziergang bis ans Meer. Direkt neben unserem Hotel befindet sich ein Supermarkt, der jeden Tag, auch Sonntags, bis 22.00 Uhr geöffnet ist. Auf einem Balkon im Innenhof brüllen bis spät in die Nacht drei dicke Mittvierzigerinnen Bon-Jovi-Lieder mit. Wie wir später erfahren, findet morgen ein Konzert dieses Popstars in Tallinn statt.
Heute früh im Restaurant gefrühstückt. Es gibt – typisch für Osteuropa – eher herzhafte Kost, also auf jeden Fall Nudeln und Würstchen. Ich lege mich nochmal hin und die Mädchen gehen mit Elvis in die umliegenden Wälder Gassi. Damit niemand merkt, dass wir das Appartement mit drei statt der gebuchten zwei Personen belegen und es kein „Do Not Disturb“-Schild zu finden ist, hängen wir unsere Saunakappe an die Türklinke und fahren mit unserem Auto ins ca. 10 km entfernte Stadtzentrum von Tallinn, denn heute soll dort ein Altstadt-Fest stattfinden. Das Wetter ist nicht besonders angenehm, es sind knapp über zehn Grad, es ist bedeckt und ziemlich windig.
Wie erwartet ist so ohne Ortskenntnisse kein freier Parkplatz zu finden, deswegen stellen wir unser Auto auf einem kostenpflichtigen in unmittelbarer Nähe der Altstadt ab – Elvis bleibt im Auto, ein Hitzestau ist nicht zu befürchten – und stürzen uns ins Getümmel. Entlang der mittelalterlichen Gassen und auf den Plätzen stehen eine Vielzahl von Buden mit regionalem Nasch- und Kunsthandwerk. Auf dem Rathausplatz liegt ein Gästebuch, in dem wir uns prompt verewigen.
Die Altstadt von Tallinn (früher Reval) ist tatsächlich sehr mittelalterlich erhalten. Es gibt eine Oberstadt, wo sich unter anderem das estnische Parlamentsgebäude befindet. Natürlich ist die estnische Hauptstadt nicht sehr groß, es gibt ja gerade mal 1,3 Mio. estnische Staatsbürger – wovon im Übrigen mehr als ein Viertel Russen sind. Ihr Anteil in Tallinn liegt sogar bei über 40% – Russisch ist allgegenwärtig.
Da wir ihr zu langsam sind, geht Jule erstmal ihrer eigenen Wege und wir gucken uns in der Oberstadt um, besuchen die orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale und stoßen auf ein lustiges Straßentheater. Nach einem sehr schönen Ausblickspunkt über die Unterstadt steigen wir wieder herunter und gelangen in einen Park, in dem mehrere Bühnen aufgebaut sind, auf denen Folklore dargeboten wird. Kurz danach stößt auch wieder Jule zu uns und die Mädchen gehen in eine freie Kunst-Galerie und in ein Orgelkonzert in der Niguliste kirik. Ich tröste mich derweil mit Pelmeni in einem russischem Troika-Restaurant und befreie danach Elvis aus dem Auto. Das Wetter ist nicht besser geworden, aber es regnet wenigstens nicht. Nachdem wir uns mit Hilfe von Google wiedergefunden haben, fahren wir zum Tallinner Fernsehturm (Teletorn), der 1980 fertiggestellt wurde und etwas außerhalb aber in Richtung unserer Unterkunft liegt. Er ist 314 m hoch und in 170 m Höhe befindet sich eine Aussichtsplattform, von der man bei guter Sicht bis zur finnischen Küste gucken kann. Außerdem hat er oben einen Freiluftbereich, wo sich ganz Mutige angeschnallt bis an an die Kante vorwagen können. Für nicht ganz so Mutige, wie zum Beispiel mich, gibt es auf der Panorama-Ebene runde Glas-Durchbrüche im Fußboden, wo man direkt nach unten blickt. Außer uns sind nur wenige Besucher hier.
Abends durchs estnische Fernsehprogramm gezappt.
Tallinn
Montag, 03. Juni 2019
Schlagartig hat sich das Wetter gebessert, strahlend blauer Himmel und die Wetter-App verkündet für heute über 20 Grad. Während ich noch schlafe, laufen Susanne und Jule bis ins 10 km entfernte Stadtzentrum. Um zehn schnappe ich mir Elvis und fahre mit ihm zu dem Parkplatz von gestern, wo wir uns mit den Mädchen treffen. Die wollen um zwölf an einer zweistündigen Stadtführung teilnehmen, die mir wegen meines Knies zu stressig erscheint. Elvis und ich gehen derweil durch die vielen lauschigen Parks entlang der Stadtmauer.
Das Wetter ist wirklich super. Nach zwei treffen wir uns wieder und essen in einer italienischen Trattoria Pasta e Insalate. Die Mädchen berichten, was sie bei der Stadtführung alles gelernt haben und Jule erzählt einige der gehörten Anekdoten. Am besten hat mir jene gefallen, die das spezielle Sozialverhalten der Esten auf den Punkt bringt: Die meisten Esten sind introvertiert und schauen dir beim Gespräch nicht in die Augen sondern auf die eigene Füße. Der aufgeschlossenere Teil der Esten ist da ganz anders: Der schaut, wenn er sich mit dir unterhält, auf deine Füße…
Nach dem Essen laufen wir zu einer Markthalle jenseits des Bahnhofs, die auch während des Stadtrundgangs als lohnenswert erwähnt wurde. Hinter der Markthalle hat sich die alternative Szene etabliert. Es waren Streetfoodwagen u.ä. etwa so wie in Friedrichshain. Gekauft haben wir kaum etwas. Wir beschließen, uns das ebenfalls empfohlene Schifffahrtsmuseum am Hafen anzusehen, welches in einem großen Wasserflugzeug-Hangar untergebracht ist. Ich fahre mit der Tram zum Parkplatz und fahre mit dem Auto und die Mädchen laufen zum Hafen.
Als wir dort eintreffen, ist es schon halb sechs und da wir nicht durch die Ausstellung hetzen wollen, verschieben wir den Besuch auf übermorgen. Das Sonne brennt immer noch und wir gucken uns die Außenexponate (ein Dampfeisbrecher und diverse Kriegsschiffe) am Kai an.
Narva und Narva Jöesuu (Hungerburg)
Dienstag, 04. Juni 2019
Nachdem Frühstück ausgecheckt und aufgebrochen ins etwa 200 km entfernte Narva an der russischen Grenze – eine Rückkehr nach 34 Jahren. Die Grenze, die bei unserem ersten Besuch noch eine zwischen zwei Sowjetrepubliken und damit keine wirkliche war ist jetzt eine stark gesicherte EU-Außengrenze mit Stacheldraht und Zollabfertigung. Im Grenzfluss, der nicht sehr breit ist, liegt noch eine Insel mit Badestrand, man könnte also rüber schwimmen. Auf estnischer Seite liegt die von den Dänen im 13. Jhrd. Gegründete Hermannsfeste, auf russischer Seite die mächtige Festung Iwangorod aus dem 15. Jhrd. Obwohl Narva die drittgrößte Stadt Estlands ist, sind 95% der Einwohner Russen. Die Altstadt wurde im 2. Weltkrieg fast völlig zerstört und bietet heute noch einen zum Teil jämmerlichen Anblick. Dominierend sind unverputzte Wohnbauten aus sowjetischer Zeit. Wir gucken uns noch die orthodoxe Auferstehungskirche an und fahren dann in den 15 km entfernten Badeort Narva-Jöesuu, wo unser Wellness-Hotel direkt am Strand des finnischen Meerbusens steht. In einem Café bestellen wir uns Salate und Kwas. Mein Chicken-Salat ist gemeinerweise mit Scampis „verseucht“. In der Nähe des Hotels liegt das kleine Kirchlein aus Holz „wo derr Poppe wohnt“. Um 22.13 Uhr verschwindet die Sonne hinter dem Horizont, aber dunkel wird es nicht.
Tallinn
Mittwoch, 05. Juni 2019
Susanne und Jule begrüßen den Morgen am Strand und dann frühstücken wir auf der Hotelterasse. Kurzer Abstecher zum Hotel, wo wir im September 1985 für eine Woche gewohnt haben und dann fahren wir zurück nach Tallinn. Unsere letzte Nacht in Estland verbringen wir in einem Hotel direkt gegenüber dem Fähr-Terminal. Jule hat sich eine Unterkunft in einem Hostel direkt in der Altstadt besorgt. Wir lassen Elvis im Hotel, dem mittlerweile sechsten auf unserer Reise und besuchen nun endlich den Wasserflugzeug-Hangar mit dem Schiffsmuseum. Der Hangar ist ein imposanter Beton-Kuppelbau aus der Zeit der ersten Unabhängigkeit Estlands. In der Mitte liegt ein originales U-Boot, eines von zweien in den dreißiger Jahren des letzten Jhrds. auf einer englischen Werft für Estland gebaut. Darum herum viele originale Schiffe und Boote. Die Ausstellung ist sehr multimedial ausgestattet. In einer Sonderausstellung geht es um spezielle Probleme einsamer Männer auf See. Anschließend gehen wir im Außenbereich auf den Eisbrecher, steigen hinunter bis in den Maschinenraum und sehen uns die diversen Kabinen und Mannschaftsräume an.
Abends beim Argentinier gegessen und Jule verabschiedet. Sie fliegt morgen zurück nach Berlin und für uns geht es über Helsinki auf dem Wasserweg zurück in die Heimat.
4 Kommentare zu „Mit Elvis ins Baltikum“
He, wie gehts weiter? Das ist ja richtig spannend.
Hallo, seid ihr immer noch auf der Ostsee unterwegs oder schon in Kiel? Man hört ja nichts mehr von Euch. Tinte alle?
Nu sind wir gerade in Lübeck angekommen.
Und wo ward ihr am 06.06.?